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Aus der Beratungspraxis: Wie Kinder eine Ehe verändern.....
Juli 2001

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Als sich Karin und Walter an meine Online-Beratung wandten lag ihre Ehe nach nur drei Jahren ziemlich im argen. Sie verbrachten ihre Freizeit kaum mehr miteinander, Walter trank zuviel und ging mit seinen Freunden so oft wie möglich fischen. Karin hetzte zwischen Büro und Kinderkrippe hin und her und fühlte sich einsam und von Walter in Stich gelassen. Karin war zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt und Walter 46. Sie waren seit fünf Jahren zusammen und hatten zu Beginn eine wunderbare Zeit miteinander verbracht. Nach der Geburt ihres Sohnes Felix (1) ging es mit ihrer Ehe bergab. Warum?

Die Antwort auf diese Frage findet sich, wenn man die Geschichte und Grundlage dieser Beziehung genauer betrachtet. Als die beiden sich kennenlernten, hatte Walter gerade eine Scheidung hinter sich. Er war Vater eines 10jährigen Sohnes, zu dem er allerdings nicht mehr sehr viel Kontakt hatte. Seine Ex-Frau hatte wieder geheiratet und wollte nicht, daß Walter die neue Familie "stört”. Walter war das durchaus recht. Er sei kein "Kindertyp” sagte er gleich zu Beginn zu Karin. Das war ihr wiederum egal. Sie hatte einige Jahre zuvor ihr Studium beendet und war auf der Karriereleiter auf dem Weg nach oben. Kinder waren da nicht eingeplant. Ihre Beziehung lief gut und beide verfügten über ausreichend finanzielle Mittel, um sich einen relativ aufwendigen Lebensstil leisten zu können: Abendessen in guten Restaurants, Segelferien, Urlaubswochen in exklusiven Clubs, Städtereisen... . Nach zwei Jahren heirateten Walter und Karin und kauften sich gemeinsam ein Haus in guter Wohnlage. Weiterhin lief alles wie im Märchen. Auch als Karin nach ihrem 33.Geburtstag ihre "biologische Uhr ticken hörte” und den Wunsch nach einem Kind äußerte wies nichts auf bevorstehende Eheschwierigkeiten hin. Walter stimmte nach anfänglichem Zögern zu, Karin wurde ohne Probleme schwanger, hatte eine komplikationslose Schwangerschaft und schließlich normale Geburt. Im Märchen würde es jetzt heißen: Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage... .

Leider sind wir nicht im Märchen, sondern in der Realität. Und Realität bedeutete für Walter und Karin, daß ihr gesamtes bisheriges Leben plötzlich Kopf stand. Am Anfang war die Zeit mit dem Baby neu und aufregend, dann kamen die Probleme. Karin, die erfolgreich im Beruf gewesen und gewöhnt war, ihre Tage in einem Team mit Kollegen zu verbringen, fühlte sich alleingelassen und isoliert. Die Babypflege und -betreuung war ein 24 Stunden Job, der sie auslaugte. Die "Karrierefrau" Karin hatte unter ihren Freundinnen keine ebenfalls jungen Mütter in Karenz, mit denen sie sich hätte treffen können und ihre Familie lebte etliche hundert Kilometer entfernt. Karin sehnte sich dadurch um so mehr nach Gesprächen und Unternehmungen mit Walter. Dieser wiederum fühlte sich vor allem durch die finanziellen Verpflichtungen belastet. Außer Alimentationszahlungen für seinen Sohn aus erster Ehe hatte er nun für eine neue Familie zu sorgen. Dazu kam, daß das Unternehmen, für das er arbeitete, aus wirtschaftlichen Gründen einige Mitarbeiter kündigte. Walter fürchtete, das könnte auch ihn treffen und mit Mitte 40 hätte er dann nicht mehr die besten Aussichten am Arbeitsmarkt. Diese Sorgen trieben ihn dazu, sich in die Arbeit zu stürzen und viele Überstunden zu machen. Wenn er spät am Abend nach hause kam, fühlte er sich ebenfalls müde und ausgelaugt und hatte keine Lust mehr, sich um das Baby zu kümmern. Walter begann außerdem "zur Entspannung" mehr Wein zu trinken als für ihn gut war und schließlich lernte er durch einen Kollegen noch Spaß am Fischen. Von da an, war Walter fast jedes Wochenende unterwegs.

Karin ließ sich das natürlich nicht ohne weiteres gefallen. Sie war enttäuscht und wütend auf Walter, weil er sie ihrer Meinung nach in Stich ließ. Er sei schließlich mit einem Kind einverstanden gewesen, argumentierte sie, und sollte nun auch die Vaterpflichten erfüllen. Walter entgegnete diesem Vorwurf mit dem Hinweis, er hätte von Anfang an gesagt, er sei kein "Kindertyp". Die beiden stritten immer häufiger. Karin nannte Walter ihren Freunden gegenüber nur noch den "Säufer”. Als ihr Sohn den ersten Geburtstag feierte, sprachen Walter und Karin von Scheidung, beschlossen dann aber, sich vorher beraten zu lassen.

Die Geschichte von Karin und Walter ist durchaus typisch. Viele Paare machen nach der Geburt eines Kindes die Erfahrung, daß sie mit ihrer zuvor guten Partnerschaft nicht mehr zufrieden sind. Eine Forschergruppe um John Gottmann von der Universität Seattle im US-Bundesstaat Washington hat vor einigen Monaten eine Studie veröffentlicht, wonach bei zwei Dritteln der von ihnen untersuchten Elternpaare die Zufriedenheit mit der Partnerschaft nach der Geburt des Kindes zunächst gestiegen und dann deutlich gesunken ist - gegen Ende der sechs Jahre dauernden Studie zeigten sich Elternpaare deutlich unzufriedener mit ihrer Partnerschaft als die Vergleichsgruppe kinderloser Paare. Die Wissenschaftler wollten außerdem mit ihrer Studie herausfinden, welche Kriterien die Stabilität einer Ehe vorhersagen. Sie kamen zu dem Schluß, daß neben der Zuneigung die Aufmerksamkeit und Besorgnis füreinander im täglichen Leben eine ausschlaggebende Rolle spielen. Und hier liegt nun bei vielen Paaren - wie auch bei Karin und Walter- das Problem.

Vor der Geburt ihres Sohnes hatte jeder von ihnen ein zufriedenstellendes Berufsleben. Viele Bedürfnisse nach Gesprächen, Selbstbestätigung und menschlicher Zuwendung wurden von den Kollegen, mit denen Walter und Karin zum Teil auch privat befreundet waren, erfüllt. So blieben Karin und Walter auch als Ehepaar zwei voneinander unabhängige Individuen, die nicht füreinander sorgen mußten. Das änderte sich mit der Geburt von Felix. Beide Partner brauchten nun Hilfe und Unterstützung von einander. Aber weder Karin noch Walter konnten die Bedürfnisse des anderen sehen und darauf eingehen, sondern jeder erwartete sich nur, daß die jeweils eigenen Bedürfnisse erfüllt wurden. Die Enttäuschung darüber, daß das nicht geschah, führte schließlich zum Zorn auf den Partner und Ablehnung. Walter benutzte schließlich das Fischen um dem Familienleben und Karin aus dem Weg zu gehen. Karin und Walter haben sich jetzt im Rahmen einer Partnertherapie auf den langen Weg gemacht, wieder Respekt voreinander zu bekommen und zu lernen, sich im täglichen Leben gegenseitig Aufmerksamkeit und Besorgnis zu schenken.

Was wäre in der Ehe der beiden wahrscheinlich anders gelaufen, hätte jeder von ihnen von Anfang an die Bedürfnisse des anderen stärker im Auge gehabt?

Kinder verändern die Wünsche und Bedürfnisse, die Partner an einander haben. Es ist keine leichte Aufgabe, diese Veränderungen bei all dem Alltagstrubel und Verpflichtungen im Augen zu behalten und darauf einzugehen. Doch hier liegt der Schlüssel für eine glückliche Ehe mit/trotz Kindern.

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geändert am 11/03/2009; © 1999 - 2010 Mag. Christiane Turnheim; Webmaster
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